Text
Text
Text

"Jeder Passagier eines Flugzeugs weiß heute, dass er Opfer eines Terroranschlags werden kann."

Terror

Schauspiel von Ferdinand von Schirach

Termine

Die Szene: Ein Gericht. Das Publikum: Die Schöffen. Major Lars Koch, Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr, Typ Eurofighter, hat sich seinem Urteil zu stellen. Hat er richtig gehandelt, an jenem Tag, an dem er den Befehl erhielt, einen von Terroristen gekaperten Lufthansa-Airbus vom Kurs abzudrängen? An Bord von Flug LH 2047 von Berlin-Tegel nach München sind 164 Menschen. Nun nimmt die Maschine Kurs auf die Allianz-Arena. Dort findet an diesem Abend vor 70.000 Zuschauern das ausverkaufte Länderspiel Deutschland gegen England statt. Major Lars Koch muss reagieren. Wie lauten seine Befehle? Soll er, darf er die Passagiermaschine abschießen, wenn die Terroristen nicht einlenken? Die Uhr tickt und Lars Koch trifft eine Entscheidung.

Erfolgsautor Ferdinand von Schirach stellt in seinem ersten Theaterstück die Frage nach der Würde des Menschen. Darf Leben gegen Leben, gleich in welcher Zahl, abgewogen werden? Welche Gründe kann es geben, um ein Unheil durch ein anderes, vermeintlich kleineres Unheil abzuwehren? Und wer sind die Verantwortlichen? Oder ist es Lars Koch allein, der hier vor Gericht steht? Die Inszenierung folgt den Gepflogenheiten einer Gerichtsverhandlung: Die Zuschauer haben über Schuld oder Unschuld zu entscheiden. Ihr Urteil entscheidet auch über das Ende des Theaterabends...

 

Unter folgendem Link finden Sie alle Abstimmungsergebnisse im deutschsprachigen Raum: http://www.kiepenheuer-medien.de/terror

PRESSESTIMME

Schuld oder Unschuld? Stralsunder Zuschauer entscheiden als Richter

Stefanie Büssing

Stralsund. Schuldig oder unschul­dig? Darf man 164 Menschen töten, um 70 000 Menschen zu retten? Mit dieser Frage spaltet Ferdinand von Schirach das Publikum. Denn: In seinem Justizdrama „Terror", das am Freitag am Theater Vorpommern Premiere hatte, werden die Zuschauer zum Richter in einem moralischen Diskurs.

Das Setting ist einfach: ein Ge­richtssaal, ein Steg, der bis in den Zuschauerraum reicht. Darauf sitzt - Auge in Auge mit den Besuchern - der Angeklagte. Es ist Pilot Lars Koch (Julius Robin Weigel). Als Major der Luftwaffe hatte er den Be­fehl erhalten, einen von Terroristen gekaperten Airbus vom Kurs abzudrängen. Ziel: ein ausverkauftes Fußballstadion, indem 70 000 Men­schen sitzen. Doch, das Manöver scheitert und Koch entschließt sich gegen den Befehl, das Flugzeug ab­zuschießen, um die Fans zu retten. Woran er in dieser Sekunde ge­dacht habe? „An meine Frau und meinen Sohn“, gibt er zu Protokoll. Aber ist Koch nun ein Held oder ein Mörder?

Ferdinand von Schirachs Stück besticht durch seine Klarheit. Ohne Nebenhandlungen oder überra­schende Wendungen, in schnörkel­loser Sprache und mit nur sieben Schauspielern entfaltet er einen spannenden Konflikt um richtig oder falsch. Da wird die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens ge­stellt. (…) Da werden gedankliche Konstrukte entwickelt, die im nächsten Moment wieder in sich zu­sammenfalten. Wären nicht sowieso alle Passagiere gestorben? Darf man also töten, wenn ein Leben nur noch eine begrenzte Dauer hat? Wenn ja, wer legt die Dauer fest? Es werden Zeugen gehört, Szenarien durchgespielt, wie ein mögliches Vordringen der entführ­ten Passagiere ins Cockpit, um die Entführer zu überwältigen. Es wer­den Emotionen bemüht und hypo­thetische Fragen gestellt „Was wä­re, wenn Ihre Frau in dem Flieger gesessen hätte, Herr Koch?, fragt die Staatsanwältin (Claudia Lüftenegger). „Jede Antwort wäre falsch", antwortet der, macht damit gleichzeitig das Dilemma der Zu­schauer deutlich, die sich entschei­den sollen, entscheiden müssen. (…) „Mit ei­nem Freispruch", so argumentiert die Staatsanwältin, „würde man die Würde des Menschen und die Verfassung für wertlos erklären." Aber: „Man darf das Prinzip nie über den Einzelfall stellen", sagt hingegen Verteidiger Biegler (Jan Bernhardt). Während in der Berliner Urauf­führung den Figuren von Anklage und Verteidigung noch Elemente wie der Mann-Frau-Rollenkonflikt aufgedrückt werden, bemühen sich Regisseur Andre Rößler und Dramaturg Jörg Hückler bei Ankla­ge und Verteidigung um Neutrali­tät, streichen emotional eingefärb­te Textpassagen kurzerhand he­raus. Die Idee, den Zuschauer zum Akteur und Richter zu machen, ent­schieden wird per Hammelsprung, die Zuschauer kommen durch verschiedene Türen herein, ist simpel und genial. Am Ende sind's nur Nuancen: 161 zu 132 Stimmen mit de­nen die Stralsunder entscheiden, Koch ist unschuldig. Doch das ist nicht entscheidend. Ferdinand von Schirach sagte: Entscheidend sei das Reden darüber. 35 Mal steht das Stück in dieser und der kom­menden Saison auf dem Spielplan.

Ostsee Zeitung, 02.Mai 2016