Text
Text
Text
Text

Pro An(n)a [12+]

Klassenzimmerstück von Marzena Ryłko
Deutsch von Grażyna Kania und Markus Stein

Termine

„Eine Dünne sieht in allem gut aus. Und wenn man in allem gut aussieht, sieht man auch ohne alles super aus. Ja!“
Anna schreibt in ihrem Blog „PRO AN(N)A über die Erfahrungen mit der Essstörung, die sie mit der community teilt. Gemeinsam haben sie, die „Schmetterlinge“, ein Ziel: noch dünner zu werden. Anna hat aus ihrer Magersucht eine erschreckende Leidenschaft gemacht. Im Blog tauscht sie sich mit anderen „Schmetterlingen“ aus, wie man durch Hungern zu „Kleidergröße 0“ kommt und welche Strategie die nächste Fressattacke verhindern kann. Heute tritt Anne live vor ihre community. Sie will den Blog schließen, weil sie Angst hat, erkannt zu werden. Aber ein neuer ist bereits geplant, denn die Gemeinschaft im Netz ist notwendig, um sich auf dem schwierigen Weg zum Ziel zu bestärken. Doch in Momenten der Schwäche beginnt man zu ahnen, dass das Mädchen ihr Leben und  ihr Selbst weit weniger unter Kontrolle hat, als Anna das vorgibt. Die angeblich so große Gemeinschaft im Netz schrumpft zu einer anonymen Gruppe Einsamer, die sich nach Verständnis sehnen, weil ihnen vor allem eines fehlt: die Liebe für sich selbst.

Buchung

Als mobile Produktion ab sofort buchbar.
Informationen und Buchungen unter:
Marion Tank
tel.: 03831/ 2646-104
klassenzimmer@theater-vorpommern.de

PRESSESTIMMEN

Schöner, kranker Schmetterling
Das neue Klassenzimmerstück des Theaters macht Magersucht zum Thema - direkt und aufrüttelnd

 

Diese verdammten Oberschenkel. Viel dünner müssten sie sein, findet Anna, so dünn, dass sie sich im Stehen nirgendwo berühren,„manchmal will ich ein Messer nehmen und das hier alles abschneiden!“ Sie schluchzt, und eine Sekunde später setzt sie sich wieder vor die Videokamera, knipst ihr süßes Lächeln an und spricht zu ihren anonymen Freundinnen im Internet von Stärke, Selbstbeherrschung und Hunger. „Anna“ wie Anorexie: Um Magersucht geht es im neusten Klassenzimmerstück des Theaters Vorpommern, um ein Thema, „das absolut wichtig ist“, wie Lehrerin Kerstin Senz meint. Zwei zehnte Klassen des Jahn-Gymnasiums haben sich für die Premiere in einen Unterrichtsraum gequetscht. Vorn zieht Schauspielerin Sarah Bonitz als magersüchtige Anna alle Register, eine Schulstunde lang. Vom Schönheitsideal in Schule und Gesellschaft spricht sie, davon, dass ein dickes Mädchen immer „die Dicke“ heiße und als dumm gelte. Dass nur Schlankheit wie die von Filmschauspielerinnen schön sei, was wert sei. „Oder magst Du dicke Titten?“ Mitten ins Gesicht einiger Schüler spricht sie solche Fragen. Gekicher wird laut. Ja, Finger in den Hals stecken, das könne helfen, um dünner zu werden, Wasser mit Salz oder Natron trinken auch, aber noch besser,rät Anna den anderen„Schmetterlingen“ im Magersucht-Forum Pro Ana, sei „maximale Beherrschung, egal wie.“ Die kranke Schlankheit, sie ist Annas Leidenschaft. Ein Stück Kontrolle in einem Leben, in dem ihr so manches andere längst entglitten ist: Unter Stress und isoliert fühlt sie sich in der Schule, die Liebe des Vaters kommt ihr seit der Scheidung wie eine Lüge vor, die Psychologen-Mutter weit weg. Anna lächelt und schluchzt und lächelt, knabbert Äpfel, ohne sie zu schlucken, zählt Kalorien und bestraft sich für zu viele, drückt sich den flachen Bauch noch flacher, erwähnt nur nebenbei ihre Ohnmacht im Englischunterricht und wünscht am Schluss: „Bleibt schlank, Schmetterlinge!“ „Genial gespielt“, sagt einer der Zehntklässler in der Nachbesprechung,die Theaterpädagogin Sabine Kuhnert im Stuhlkreis leitet. Eine Probe hatten die Schüler schon gesehen, jetzt die Premiere. „Dieser Selbstzerstörungswille, den fand ich schockierend“, sagt der Schüler. „Und die gestörte Selbstwahrnehmung, die Magersüchtige haben, auch. Die schätzen sich ja viel dicker ein als sie sind.“ „In dem Stück sind so viele Themen verdichtet –super“, meint Lehrerin Kerstin Senz. Dass Magersucht etwas mit Sehnsucht zu tun habe, dass Druck eine Rolle spiele, außerdem die Wer-bin-ich-Frage in der Pubertät, das Schönheitsideal und die Art, wie man miteinander umgehe. „Das kommt auf sehr fesselnde Art heraus.“ Und weil die Schüler nicht im dunklen Zuschauerraum des Theaters säßen, sondern mitten imGeschehen, würden sie automatisch gepackt. Anette Struck, Schulsozialarbeiterin am Jahn-Gymnasium, ist überzeugt: „Dieses Stück bewirkt etwas.“ Immer mal wieder hat sie mit Mädchen zu tun, die unter Bulimie oder Magersucht leiden. „Aber wie sie leiden – davon kriege auch ich nur einen Bruchteil mit. Das jetzt mal so voll zu durchleben, ist schon erschreckend.“ Am Schluss steht eine Ermahnung an alle: Bleibt nicht allein mit dem Thema. „Als Freundin kann man eine Betroffene nicht retten, wenn sie es nicht will, aber man kann sich selbst Hilfe suchen“, sagt Regisseurin Elsa Vortisch. Im schlimmsten Fall könne eine Zwangseinweisung Betroffenen helfen, die lebensgefährliche Phase der Krankheit zu überstehen. Um dann neue Wege zu suchen. (von Sybille Marx)

Ostseezeitung, 21.9.2017