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Leonce und Lena

Lustspiel von Georg Büchner

Termine

„Prinz“ Leonce langweilt sich. Philosophie, Frauenliebe und Lebensutopien haben sich erschöpft und „wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder“. König Peter will seinen Sohn auf die richtige Lebensbahn bringen, er soll „Prinzessin“ Lena heiraten, die Staaten sollen in Europa vereinigt werden. Der Fluchtpunkt für Leonce und Lena ist Italien. Auf dem Weg dorthin kommt es zu einer existentiellen Begegnung mit Folgen. Die Schlusspointe bildet das Ideal vom „Ende der Geschichte“ als Hippie-Utopie: „Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht.“ „Leonce und Lena“, ein deutsches Lustspiel, vom 22-jährigen Georg Büchner für ein Preisausschreiben des Cotta-Verlages verfasst, stellt Büchner als den Avantgardisten vor. Seine radikale, dem Zeitgeschmack weit vorauseilende ästhetische Form des Schreibens macht ihn zu einem ersten Repräsentanten der beginnenden Moderne. Büchner, der „Revolutionär vom reinsten Wasser“ (Alfred Döblin), wo das „Gelächter aus der Inversion des Engagements entsteht“ (Max Frisch) ist für jede neue Generation eine interpretatorische Herausforderung. Unsere Inszenierung wird sich auf die Suche begeben, das „Prinzip Leonce und Lena“ zu entdecken, ein melancholisches Lebensgefühl der individuellen Verweigerung, gegen eine ausschließlich auf den merkantilen Zweck ausgerichtete Leistungsgesellschaft.

 

THEATERWERKSTATT zu Leonce und Lena am So 26.11. / 14-15.30 Uhr / Stralsund

PRESSESTIMMEN

Kabarett und Melancholie

Doppelpremiere von Georg Büchners "Leonce und Lena" und "Dantons Tod" in Greifswald


Greifswald. Erneut spannender Auftakt der Schauspielsaison am Theater Vorpommern. Nach Goethes „Faust“-Fragment 2016 eröffnete Oberspielleiter Reinhard Göber Sonnabend im Greifswalder Großen Haus mit einer Art Anti-Faust: Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ über den Überdruss und die Überflüssigkeit der Oberschicht einer in Ritualen erstarrten Gesellschaft. Göber inszenierte in direkter, teils brachial zupackender Weise, das Publikum applaudierte heftig, situierte Besucher machten ihrem Ärger später darüber Luft, dass man dem Publikum einfach alles anbieten könne: Die klatschen ja immer – keine Ahnung eben. Wenngleich dieser Gedanke in anderen Zusammenhängen trifft: Hier stimmt er nicht. Freilich ist Göber nicht zimperlich: Er verwandelt das vielschichtige subversive Spiel Büchners in deftigen Polit-Slapstick, aktualisiert, streicht, und fügt viel eigenen Gegenwartstext (aber auch anderes von Büchner) hinzu und landet bei 80 Minuten ohne Pause. Die Anmut der Geschichte vom Prinzen Leonce aus dem Reiche Popo und der Prinzessin Lena aus dem Reiche Pipi kommt zu kurz. Aber diese Anmut gibt es bei Büchner ohnehin nur als Parodie, erst danach hat sie der deutsche Michel als Genussmittel für sentimentales Mitgefühl absorbiert. Davor dürfte der radikale Greifswalder Ansatz im kitschverliebten Zeitalter sicheren Schutz bieten. Die Geschichte der Königskinder, die unter Überflüssigkeit innig leiden, sich auf der Flucht vor dem Heiratsbefehl ihrer Eltern erstmals begegnen und durch ihre Liebe – ohne das zu wissen – das elterliche Heiratsgebot erfüllen, bleibt erhalten. Doch der Kontext ist Gegenwart: Man diskutiert über Armut und Spitzeneinkommen, auf Bildschirmen sind die G20-Ausschreitungen oder ein überfülltes Flüchtlingsboot zu sehen. Von der Bühnendecke hängen EU-Fahnen; König Peter (Stefan Hufschmidt) kommt als Merkel - Parodie daher, träumt davon, zu Mozart Pirouetten zu drehen und nackt zu baden; der Präsident (Jan Bernhardt) als schräge Altmeier - Kopie. Als Leonce demonstriert Felix Meusel sängerisches Potenzial, Lena (Anne Greis) überzeugt mit dem Leiden am Elend der Reichen in der geistigen Enge ihres Überflusses, sie ritzt sich, während Leonce vom Selbstmord träumt. Vor „Leonce und Lena“ hatte im Rubenowsaal „Dantons Tod“ Premiere.

Dietrich Pätzold, Ostsee-Zeitung

Auftritt der Bombe

»Leonce und Lena« beginnt (...) mit einer Aufzählung von Ungerechtigkeiten, zum Teil wortgetreu aus Büchners Pamphlet »Der hessische Landbote« (1834). Fürsten von heute wie Lidl-Besitzer Dieter Schwarz mit seinen aktuell 37 Milliarden auf dem Konto werden benannt, und dann spricht König Peter aus dem Lande Popo im Merkelkostüm. Köstliche Slapsticks, viele original von Büchner.

Leonce und Valerio singen als aufwendig gestylte Oberschicht-Hippies mit hüftlangen Perücken auf einer Glitzerbühne Blumenlieder, im Hintergrund schunkeln Gräser im Wind. Die beiden pflegen den Müßiggang, klagen über Langeweile. »Wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder«, argumentiert Leonce, »ein Selbstmörder ist ein Verbrecher, (…) also, wer arbeitet, ist ein Schuft«. Als dem Prinzen eine Heirat droht, brechen sie auf nach Italien und sind nach »einem halben Tag über ein Dutzend Ländergrenzen gewandert«. Das parodistische Stück ist äußerst witzig angelegt, alles ist stark verdichtet, die Hauptfiguren werden herrlich durch den Kakao gezogen. Es gibt unendlich viel Sprachwitz. (...)

Der Auftritt des Königs Peter als Angela Merkel aber wirkt wie eine Bombe, wie eine hinzugefügte Kabaretteinlage. Tatsächlich ist das Büchner-Originaltext, so gut die wirren Worte über die Untertanen zur Tagespolitik der Kanzlerin passen – das überzeugt!

Jüngeres Publikum bejubelte das Stück, die zur Premiere geladenen Gymnasiasten fanden offenbar die eigene Welt darin gut widergespiegelt. Eine Gruppe ältere Zuschauer meinte vor dem Theater, es sei eine Frechheit, man müsse den Originaltext Büchners mit der Lupe suchen und die Anti-CDU-Politik darin sei unlautere Propaganda gewesen. Die Provokation hat also gewirkt, das ist gut. Und macht klar: Hier wurde kein romantisches Stück aufgeführt.

Im »Leonce und Lena«-Programmheft sind Infos zur sozialen Lage in Deutschland, zur Beziehung zwischen Arm und Reich in der Welt sehr gut aufbereitet. »Lasst eure Träume fahren, dass man mit euch eine Ausnahme macht«, heißt es in einem dazu gestellten Gedicht von Brecht: »Die Esser sind vollzählig, was hier gebraucht wird, ist Hackfleisch! Das soll euch aber nicht entmutigen!«

Anja Röhl, Junge Welt