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Drei Mal Leben

Von Yasmina Reza
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé

Termine

  • 30.12.2017 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • Letzte Vorstellung
  • Karten kaufen
  • 03.02.2018 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen

Yasmina Reza beschreibt mit Sensibilität, Humor und hinterhältiger, abgrundtiefer Bösartigkeit in drei Variationen das Zusammentreffen zweier Ehepaare, das sich jedes Mal anders gestaltet, obwohl es immer um die gleiche Grundkonstellation geht. Der Astrophysiker Henri und seine Frau Sonja, die sich in ihrem Pariser Loft einen gemütlichen Abend machen wollen, erhalten überraschend Besuch von dem befreundeten Pärchen Hubert und Ines. In der Komödie voll Hintersinn werden wir Zeuge der Alltagssorgen überforderter Mittelstandseltern, deren Eheproblemen und Karriereplänen. Da können Laufmaschen zum handfesten Beziehungskrach führen. Der Verlauf des Abends steigert sich vom Small Talk ins Absurde: die  Machtverhältnisse verschieben sich permanent, es bilden sich ständig neue Koalitionen. Sehr zum Vergnügen des Publikums, das amüsiert miterlebt, wie bereits die kleinste Veränderung in einer Situation ein ganzes Leben grundlegend verändern kann.

PRESSESTIMMEN

Von Laufmaschen und menschlichen Abgründen

Premiere am Greifswalder Theater für Yasmina Rezas Kammerspiel "Drei Mal Leben"

von Stefanie Büssing

Ein Keks nach dem Zähneputzen, der zum Diskussionsmarathon über Kindererziehung ausartet, eine Laufmasche, die zum handfesten Beziehungskrach führt, und ein abendliches Treffen zweier Ehepaare, das völlig aus dem Ruder läuft - humorvoll, abgrundtief böse und psychologisch tiefgründig beschreibt die französische Schriftstellerin Yasmina Reza in ihrem Stück "„Drei Mal Leben"“ drei Varianten des Zusammentreffens zweier Ehepaare, das sich jedes Mal anders gestaltet. Am Sonnabend hatte das Kammerspiel in Greifswald Premiere.

Das Setting ist - ähnlich wie bei Rezas wohl bekanntestem Stück „"Der Gott des Gemetzels“" - ein auf einen Raum reduziertes Vier-Personen-Stück, das sich in diesem Fall im Wohnzimmer des Pariser Lofts von Astrophysiker Henri (Marvin Rehbock) und seiner Frau Sonja (Anne Greis) abspielt. Sie erhalten überraschend Besuch eines befreundeten Pärchens, Ines (Sarah Bonitz) und Hubert Finidori (Alexander Frank Zieglarski), das einen Tag zu früh vor der Tür steht. Dadurch werden die sich langsam entfaltenden Konflikte noch verschärft: Denn Hausherr Henri, der sich von Hubert einen Karriereschub erhofft, bekommt von diesem (scheinbar) zufällig Informationen, die seine dreijährige Forschungsarbeit hinfällig machen könnten. Der berufliche Druck wird durch das schreiende Kind von Henri und Sonja aus dem Kinderzimmer noch verstärkt: Schnell wird deutlich, dass hinter den vordergründigen Problemen von Karriere und Kindererziehung eine zweite Ebene steht, in der es um generelle Dinge wie Macht, Schadenfreude, Anerkennung und Demütigung, aber auch sexuelle Anziehungskraft geht. Der Smalltalk wird zur Groteske, hinter der Scheinwelt der perfekten Beziehung tun sich menschliche Abgründe auf, die Grenzen zwischen Komik und Tragik verwischen, das Lachen will im Halse stecken bleiben.

(...) Eindrucksvoll (...) durchweg die schauspielerischen Leistungen, besonders von Marvin Rehbock (Henri), der vom unterwürfigen Gastgeber und Pantoffelhelden zum gnadenlosen Zyniker wird und später zwischen Euphorie und Depression schwankt. Mit seiner Inszenierung verabschiedet sich Hannes Hametner nach zwei Spielzeiten als Dramaturg und Regisseur vom Theater Vorpommern und geht als Oberspielleiter an das Theater Pforzheim. Hametner hatte unter anderem Shakespeares "Der Sturm", Lutz Seilers "Kruso", die Monodramen "Der Hals der Giraffe" nach Birgit Schalanskys Roman, die Uraufführung seines eigenen Theaterstücks "Der Biedermann" und "Melken" von Jörn Klare inszeniert.

Ostsee-Zeitung, 22.5.2017

Zwischen Äpfeln, Appetithäppchen und menschlichen Abgründen — Hannes Hametner verabschiedet sich mit Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ vom Theater Vorpommern

Eine Theaterkritik von Florian Leiffheidt

Was kann es Schöneres geben, als Freunde zu einem gemütlichen gemeinsamen Abend einzuladen? Was kann es Schöneres geben, als bei gutem Essen und erlesenem Wein über wichtige wie alltägliche Themen zu diskutieren? Und was kann es Schlimmeres geben, wenn ein so vorhergesehener Abend vollends aus dem Ruder gerät? Diesen Fragen spürt Hannes Hametner in seiner Inszenierung des Schauspiels „Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza auf ebenso eindrucksvolle wie leichtfüßig-unterhaltsame Art und Weise nach.

Aus Kommunikation wird Kampf

Die Anlage des Schauspiels von Yasmina Reza, die durch das Kultstück Der Gott des Gemetzels bekannt wurde, erscheint auf den ersten Blick nur mäßig interessant: Ein Abend, an dem zwei Ehepaare aufeinander treffen, wird dreimal erzählt. Henri (Marvin Rehbock), seines Zeichens Astrophysiker, und seine Frau Sonja (Anne Greis) erhalten – einen Tag früher als ursprünglich geplant – Besuch des befreundeten Ehepaares Hubert (Alexander Frank Zieglarski) und Ines (Sarah Bonitz) Finidori. Als wäre dieser Umstand der Unvorhergesehenheit nicht schon herausfordernd genug, stellt sich im Verlauf des Abends heraus, dass es sich weniger um ein freundschaftliches Treffen handelt, sondern dass sich Henri vielmehr durch gute Beziehungen zu Hubert Finidori einen Karrieresprung erhofft – Besoldungsgruppe A heißt die Mission des Wissenschaftlers Henri an diesem Abend.

Durch eine Bemerkung Huberts, welche gravierende Konsequenzen für Henris beruflichen Werdegang haben könnte, wird aus dem Besuch zwischen Freunden ein Kampf zwischen Menschen, der durch ein äußerst unruhiges und nicht schlafen wollendes Kind nicht gerade erleichtert wird. Und es ist wahrlich ein Genuss, diesem Kampf zuzusehen!

Die Bühne als Brennglas menschlicher Emotionen

Es wird geflucht, (in exorbitantem Maße!) getrunken, geschimpft und Wein vergossen. Je mehr Alkohol fließt, desto stärker treten – wie es sich für Rezas Dramen gehört – düstere, menschliche Abgründe zutage: Karrierismus, Chauvinismus, Egoismus und Versagensängste – all dies sind Probleme, welche bei allen vier Personen mehr und mehr sichtbar, spürbar und hörbar werden. Interessant hierbei erscheint die Tatsache, dass sich stets neue Konstellationen der Auseinandersetzung ergeben: Männer gegen Frauen, Henri gegen den Rest der Personen, auch Hubert sieht sich zuweilen als eloquenter Einzelkämpfer mit der stetigen Angst, zu pathetisch zu werden. Und dank der darstellerischen Leistung aller Beteiligten gelingt es, dass die Bühne zu einem Brennglas menschlicher Emotionen und Beziehungen (samt deren) Störungen wird. Freilich, manch eine Bewegung, manch eine Geste mag zu stark auf das Publikum wirken, doch gerade in der einen oder anderen Überzeichnung liegt der Reiz dieser sommerlich-leichten Inszenierung Hametners.

Die drei Varianten des Abends, welche Yasmina Reza in ihrem Stück aufzeigt, sind zudem textuell zauberhaft ineinander verzahnt, nehmen aufeinander Bezug und zeigen zunächst minimal erscheinende Veränderungen, die letztlich weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Und stets — und das ist das eigentlich Wunderbare dieser Inszenierung — schwingt bei allem Komischen stets eine gewisse Bitterkeit, ein Hauch Verletzlichkeit mit. Wenn Ehepaare so miteinander kommunizieren, scheint der Weg zur Eheberatung kein weiter mehr zu sein!

Man blickt auf die Bühne: Leere Flaschen, Gläser, Weinpfützen, Reste von angebissenen Appetithäppchen und Süßigkeiten; dazwischen, unschuldig wirkend, ein Bobbycar. Der Abend ist vorbei, die Schlacht gekämpft. Ob gewonnen oder verloren, das mag niemand zu sagen. Für das Greifswalder Publikum jedenfalls ist diese Inszenierung ein Gewinn. Ein Gewinn, der ohne Zweifel dadurch getrübt wird, dass Hannes Hametner das Theater Vorpommern als Dramaturg verlassen wird. Der Intendant ließ es nach der Premiere wissen. Das ist angesichts vieler äußerst gelungener Inszenierungen wie Der gute Tod (2013) tatsächlich ein kleiner Schatten, der auf dieser frisch-fröhlichen wie tiefsinnigen Inszenierung zu liegen scheint.

Veröffentlicht am 22. Mai 2017