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Antigone

Tragödie von Sophokles in einer Bühnenfassung von Annett Kruschke nach einer Übersetzung von Walter Hasenclever

Termine

  • 27.10.2019 18:00 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 28.10.2019 10:00 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • Die Vorstellung entfällt ersatzlos.
  • 06.11.2019 19:30 Uhr Putbus Karten kaufen
  • 06.03.2020 10:00 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen

Zwei Brüder streiten um den verwaisten Thron von Theben. Eteokles vertrieb seinen Bruder aus der Stadt – dieser sammelte ein Heer, um seinen Anspruch geltend zu machen. In der Schlacht um die Stadt lassen beide ihr Leben. Doch während der eine als Verteidiger der Stadt ein ruhmvolles Begräbnis erhält, soll Polyneikes nach dem Willen des neuen Königs das Begräbnis versagt werden. Der Feind der Stadt soll nicht dieselbe Behandlung erfahren wie ihr heldenhafter Verteidiger.

Antigone kann sich dieser Order des Königs Kreon nicht beugen. Verbietet dieses Gesetz es ihr doch, ihren Bruder zu begraben, wie die Götter dies fordern.

Antigone entscheidet sich für das ältere Recht und begräbt ihren Bruder. König Kreon sieht seine Macht gefährdet, kaum dass er den Thron bestiegen hat. Wer wird seine Autorität anerkennen, wenn schon seine erste Order von einer Frau missachtet wird? Er verurteilt Antigone zum Tode. Doch das Volk fürchtet die Rache der Götter, deren Gebot Antigone ja befolgt hat. Welches Gesetz soll gelten in Theben? Das der Götter oder das von Kreon?  „Ungeheuer ist viel und nichts/ Ungeheurer als der Mensch.“

 

Sophokles

Der mittlere der drei großen griechischen Tragödiendichter (Aischylos, Sophokles, Euripides) wurde 496 v.u.Z. in Kolonos/Athen geboren, wo er 406 starb. Er war wiederholt in hohen Staatsämtern (z.B. 440 Stratege zusammen mit Perikles). In der Tragödie führte er den dritten Schauspieler ein. Ihm werden 123 Tragödien zugeschrieben, von denen leider nur 7 vollständig erhalten sind. Bei den Dionysien soll er 24 Siege davongetragen haben, was 96 Stücken (es wurden Tetralogien aufgeführt) entspricht. Seine Tragödie der Antigone ist eine der meistgespielten antiken Dramen.

 

„Antigone verletzt das Recht des Staates, Kreon das der Familie. Die Antinomie zweier gleichberechtigter Prinzipien macht das Wesen der Tragödie aus.“ G.W.F. Hegel

PRESSESTIMME

Antigone als feministische Kampfansage

Bei der Premiere am Theater in Stralsund präsentiert Annett Kruschke eine post-postmoderne Widerstandskämpferin und Frauenrechtlerin

„Ich. Fürchte. Mich. Nicht.“, wagt eine Sie, eine junge Frau ihrem Herrscher im Angesicht des Todes zu erwidern. Antigone, Schlüsselfigur des Sophokles- Dramas aus dem antiken Griechenland hatte keine Angst.
Und Schauspielerin Feline Zimmermann als solche, schutzlos nur mit Hemd bekleidet auf der Bühne stehend, hat sie auch nicht. Was für eine idealistisch-eigensinnige Antigone sie spielt!

Kern der Inszenierung der Antigone von Annett Kruschke ist die Frau in all ihren Facetten. Am Samstag feierte ihre Neuinterpretation Premiere im Theater Stralsund. An der griechischen Tragödie um die junge thebische Prinzessin, die sich dem geltenden Gesetz von König Kreon widersetzt, ihren toten Bruder beerdigt und den Tod auf sich zieht, arbeiteten sich unzählige Literaten und Regisseure ab.

Kruschke, Schauspielerin und Regisseurin am Theater Vorpommern, orientierte sich bei ihrer Bühnenfassung an einer Übersetzung von Walter Hasenclever. Der expressionistische Bühnendramatiker schrieb seine Antigone bereits während des Zweiten Weltkriegs als Appell an Vernunft und Toleranz des Menschen. Für Hasenclever waren Frauen Pazifistinnen, die das Land zum Widerstand aufrufen sollten.

Kruschkes Inszenierung wollte und konnte alles. Allein das Bühnenbild von Eva Humburg, in dem sie mit griechischen Treppen, goldenen Wänden, bellenden Hunden, krähenden Hähnen eine postmoderne griechische Akropolis entworfen hat, sprach für sich. Die Angehörigen der Königsfamilie unter den acht Schauspielern trugen dabei majestätische Roben mit Camouflage-Muster und goldene Schuhe.

Antigone gebührte als Widerstandskämpferin und Frauenrechtlerin die Hauptrolle. Als post-postmoderne Antigone agiert sie unabhängig und frei auf der Theaterbühne, trinkt und raucht. Versetzt mit eigenen Texten und Fremdtexten von z.B. Hölderlin geht Kruschkes Fassung über jede Gesellschaftskritik hinaus und steht konsequent dafür ein, mutig selbst zu denken. Kants aufklärerisches „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ wird bei ihr „Habe Mut, dir deiner Selbst bewusst zu werden.“

In einer Videosequenz auf der Leinwand, die an die Klimadebatte um Greta Thunberg erinnert, spricht Antigone: „Wir müssen das System infrage stellen. Unsere Verantwortung ist riesengroß.“ Wie beeindruckend sie mit dem Volk von Theben, gespielt vom Ensemble „Die Eckigen“, und „Ani Kuni“, ein Indianerlied als Symbol ihrer friedlichen Revolte singt! Bei Kruschke wird alles infrage gestellt. Wie ist die Macht verteilt? Sind Strukturen, vor allem Geschlechterstrukturen nicht obsolet? König Kreon als stereotyper Patriarch und herrschsüchtiger Diktator („Du bist nur eine Frau. Das Recht regiert. Ich entscheide es.“), mit großer Freude von Jan Bernhardt gespielt, musste untergehen. Kreons Freund-Feind-Klassifikation kann nicht mehr funktionieren. Marvin Rehbock bleibt als Antigone liebender Hämon mit seinem maskulinen Gebrülle und Geschreie erfolglos. Botschaft: Männer müssen sich jenseits patriarchaler Geschlechterrollen neu erfinden.

Claudia Lüftenegger spielt überzeugend eine glitzernde Herrscherin Eurydike, die sich anfangs in Ruhm und Macht suhlend, am Ende ihre eingebildete Leere erkennt. Bei Kruschke folgte nicht die antike Katastrophe. Vielmehr widersetzt sich Antigone ihrer Rolle als Märtyrerin und wird aktiv Handelnde „Sophokles, dein Werk ist nun vollendet. Das Meine kann beginnen.“

Mit Texten aus Pasolinis Film „Theorema“ folgen die Figuren ihrem Beispiel der Selbsterkenntnis. Die Spiellust übertrug sich auf die begeisterten Zuschauer, die das mit Bravo-Rufen und tosendem Beifall würdigten.

Annemarie Bierstedt, Ostsee-Zeitung