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Wir gratulieren!

Zwei Werke – ein Anlass
Mieczysław Weinberg zum 100sten Geburtstag
Jacques Offenbach zum 200sten Geburtstag

Termine

  • 18.10.2019 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 27.10.2019 19:00 Uhr Uckermärkische Bühnen Schwedt, außer Haus
  • Deutsch-polnische Theatertage 2019 EINTRITT FREI!
  • 31.10.2019 18:00 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 03.11.2019 18:00 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 08.12.2019 18:00 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 11.01.2020 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen

Wir gratulieren!

Oper in zwei Akten von Mieczysław Weinberg

nach dem Theaterstück „Mazl tov“ von Scholem Alejchem

Deutsch von Ulrike Patow

 

Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl

Buffo-Operette in einem Akt von Jacques Offenbach

Libretto von Léon Battu und Philippe Gille

In einer Fassung des Theaters Vorpommern

 

Wenn gleich zwei Opernkomponisten im selben Jahr ihre runden Geburtstage feiern, ist dies Grund genug, einen Blick zurück zu werfen und ihnen die Bühne für ein feuchtfröhliches Festgelage zu überlassen. Aber es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass die besten Partys meist nicht im eigentlichen Festsaal gefeiert werden, sondern in der Küche. Werfen wir also einen Blick in dieselbe, wo sich die Köchin, ein zufällig vorbeikommender Buchverleiher und die Angestellten des Nebengebäudes zum Austausch wichtiger Lästerlichkeiten treffen und ihr ganz eigenes Fest feiern.

Je später der Abend desto reichlicher fließt der Alkohol, und dann geht es erst richtig los: mit einem wahrhaft gräulichen Festmahl, fabelhaften Protagonisten und illustren Gratulanten, darunter Giuseppe Verdi, der es sich nicht hat nehmen lassen, auch sein Scherflein zum Gelingen dieses außergewöhnlichen Geburtstags-Spaßes beizutragen. Wir gratulieren – feiern Sie mit!

 

 

 

Angebot der Theaterpädagogik:

Theaterwerkstatt

PRESSESTIMME

Dramatische Gesellschaftskritik und Kannibalen-Parodie

Doppelpremiere mit Werken von Mieczysław Weinberg und Jacques Offenbach

Das Theater Vorpommern gratuliert! Gedacht wird des 100. Geburtstages von Mieczysław Weinberg und des 200. von Jacques Offenbach. Beide füllen seit vorgestern gemeinsam einen Opernabend: ersterer mit der sozial aufmüpfigen zweiaktigen Oper „Wir gratulieren“ (1975) nach Scholem Alejchem, Letzterer mit Jacques Offenbachs skurriler Buffo-Operette „Häuptling Abendwind oder das gräuliche Festmahl“, für den als Vorlage Johann Nestroy und die Librettisten Léon Battu und Philipp Gille verantwortlich zeichnen. Gratulieren kann man aber auch dem Theater selbst, denn Hort Kupich (Inszenierung), Jakob Knapp (Bühne und Kostüme) und Katja Pfeifer (Dramaturgie) haben sich für diesen ambivalent unterhaltsamen Doppelabend allerhand einfallen lassen. Sie nutzen sowohl rein äußerlich Verbindendes (Festmahl) als auch die konträren Situationen als Brennpunkte für entweder individualdramatische oder grotesk politisch parodierte Handlungen. Der Spaß am Spiel - mal mit, mal ohne tiefere Bedeutung – wird darüber nicht vergessen. Bei Weinberg (1919-1996), als Jude vor den Nazis geflohen und in der Sowjetunion verfolgt beziehungsweise kaum beachtet, entzündet sich das sehr persönliche Geschehen im Rahmen einer Festmahl-Vorbereitung für die verhassten „da oben“. Konterkariert werden diese von denen „da unten“, der in der Küche verschwörerisch versammelten Dienerschaft als einer menschlich berührenden, ansonsten geradezu klassenkämpferisch aufmüpfigen Gesellschaft. Die gemeinsame finale Vision: „Das Blatt hat sich gewendet. Geld regiert nicht mehr die Welt“. Vor drohender Revolution kann Madame „von oben“ nur noch resignieren.

Auch Offenbach präsentiert Küche samt Lukullischem, entführt aber zu den Kannibalen. Das Treffen zweier Häuptlinge, das beabsichtigte Verspeisen eines Fremdlings, der sich als Sohn des einen Häuptlings entpuppt und dank in Paris gelernter Friseurkunst dem Kochtopf entkommt, ist schon vom Stück her derart überspitzt, dass hier nur eine – noch durch zusätzliche Aktualisierungen, Wortspiele und frech veränderte Verdi-Zitate (in der eigenen Hausfassung) verstärkte – handfeste politische Parodie angenommen werden kann: mit Lügen, Hinterhältigkeit, Bruderkuss, gegenseitigem Fressen und Gefressenwerden.

So wirkt der Abend schon mal mit heftig realistisch beziehungsweise grotesk genüsslich und so konträr wie überzeugend realisierter Darstellung. Dies in einem Ambiente, das sich zwischen Schneesturm sowie eher dürftiger russischer Kücheneinrichtung und farbenpraller polynesischer Inselwelt abspielt.

Konträres allenthalben und somit auch im Musikalischen. Ein Weinberg, gemäßigt modern und wie sein unüberhörbares Vorbild Schostakowitsch ausgesprochen expressiv, stringent Atmosphäre einfangend und mit variabler Stilistik höchst bühnenwirksam. Und ein Offenbach mit rühmlichst bekannter Palette so einfallsreicher wie geradezu schlitzohrig genial servierter und sehr unterhaltsamer Gesangsnummern. Starke Bühnenpräsenz also von beiden und damit beim Ensemble des Theaters Vorpommern in besten Händen. So mit bemerkenswert gemeisterten, sehr gegensätzlichen Doppelrollen von Pihla Terttunen (jeweils Köchin), Karo Khachatryan (Reb Alter, Häuptling Cordon Bleu) und Katarzyna Rabczuk (Madame, Atala), nur bei bei Weinberg mit Franziska Ringe (Fradl) und Alexandru Constantinescu (Chaim), bei Offenbach mit Thomas Rettensteiner (Häuptling Abendwind) und Semjon Bulinsky (Arthur). Ein perfekt durchgestylter, ausgefeilt präsentierter Abend, geprägt von starken sängerischen wie darstellerischen Leistungen sowohl im Dramatischen (Weinberg) als auch im lustvoll überbetonten Bühnenspaß Offenbachs. Der Chor (Mauro Fabbri) – wie immer – glänzend, das Orchester unter Alexander Steinitz souverän im Umgang mit den sehr unterschiedlichen Ansprüchen zweier gegensätzlicher kaum vorstellbarer Autoren. Spannende Verlautbarungen aus konträren Klang- und Gedankenwelten. Geburtstagsgeschenke mit Anspruch!

Ekkehard Ochs, Ostsee-Zeitung, 20.5.2019