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Tannhäuser

Fotos: Vincent Leifer

"Der ist des Lebens nicht wert, für den es keinen Reiz hat."
Richard Wagner

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg

Romantische Oper in drei Akten
von Richard Wagner

Termine

Nachdem Tannhäuser alle nur vorstellbaren Ausschweifungen auf dem Venusberg genossen hat, zieht es den rastlosen Sänger weiter. Sein Weg führt ihn auf die Wartburg, wo er auf Elisabeth trifft, die er zuvor dort verlassen hatte. Der Zeitpunkt der Rückkunft ist günstig: Ein Sängerwettstreit weckt Tannhäusers Ehrgeiz. Während seine Konkurrenten sich im Wettbewerb um die hohe Minne messen, bricht Tannhäuser mit seinem Loblied auf die venerischen Genüsse alle Regeln der Kunst und beschwört einen Streit herauf, der ihn fast das Leben kostet. Erneut verlässt er die Wartburg und Elisabeth, um sich mit einem Pilgerzug nach Rom zu begeben. Doch Tannhäuser scheint nicht zum Büßen geboren zu sein …

Die Figur des Tannhäuser geht auf den gleichnamigen Minnesänger aus dem 13. Jahrhundert zurück, der sein Vermögen mit Frauen, Saufgelagen und luxuriösem Lebensstil verprasst haben soll. Richard Wagner setzt sich in seiner Oper mit dem Künstler Tannhäuser auseinander – ein Unterfangen, das ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1883 nicht loslassen sollte, und so schrieb er 38 Jahre nach der Dresdner Uraufführung: „Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig!“

 

 

In Kooperation mit der opera na Zamku w Szczecinie

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PRESSESTIMMEN

Schlimmer als der Steckrübenwinter

Jan Brachmann, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über die "Tannhäuser"-Premiere und die kulturpolitische Situation:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/vorpommern-kaempft-um-sein-theater-14558768.html

Ein Rebell und "Zerrissener" auf der Suche nach sich selbst Der etwas andere "Tannhäuser" feiert am Theater Vorpommern in Stralsund Premiere

von Ekkehard Ochs

Erst ein sehr für sich einnehmender „Lohengrin“, nun der vorgestern in Stralsund ebenso heftig gefeierte „Tannhäuser“: Nachweis einer Leistungsfähigkeit, die dem Theater Vorpommern wohl nur in institutioneller Eigenständigkeit erhalten bliebe. Operndirektor Horst Kupich hat das Werk in Wagners Dresdner Fassung als Parabel für einen Antihelden inszeniert, der lebens- und neugiergetrieben, aber wenig zielorientiert auf ergebnisoffener Pilgerfahrt zu sich selbst ist.

Tannhäuser ist aktiv, dynamisch und steht unter Spannung. Er fürchtet, eine ihm wesensfremde Wartburg-Gesellschaft provozierend, keine Tabubrüche und ist als sinnlich genussfähiger Rebell auch „zerrissener“ Egoist mit stattlicher Opferreihe (Venus, Elisabeth, Wolfram). Als „Leistungserotiker“, wie der Opernhistoriker Ulrich Schreiber ihn mal nannte, geht er dennoch nicht durch, auch nicht als von der heiligen Jungfrau Maria Erlöster; beide Optionen - Grundkonflikt der Oper - reichen ihm nicht. Sein Leben erscheint als Abfolge brisanter Stationen, doppelbödig als tagebuchartig aufgeschriebene Innenschau und real durchlebt; am Schluss nimmt Tannhäuser seine Schreibmaschine, wirft das Manuskript in die Menge - und geht: unheroisch, unerlöst, weiter suchend.

Diesem Konzept entspricht ein symbolträchtiger, gelegentlich schwer oder erst spät deutbarer Handlungsverlauf: der schreibende Tannhäuser, eine bühnenbreite Türwand als Zugangsmöglichkeit zur zweiten Erlebnisebene, ein gebrechlicher Hirte in mahnender Alter-Ego-Funktion, karikierende Sichten Tannhäusers auf die singenden Ritter, ein „Volksfest Sängerkrieg“, der unerwartete Tod Elisabeths durch Wolfram und anderes mehr.

Auf großräumig schmuckloser, von riesiger Venusmuschel dominierter Bühne (Christoper Melching) entfaltet sich das auch im Kostüm nicht weniger charakterisierte Geschehen aber mit großer innerer Spannung und fesselnder Stringenz. Komplexhaft konzentriert, gelingen Szenenfolgen von starker Gefühlshaftigkeit und großer Ausdrucksintensität. Ein stimmlich durchweg wagnerfähiges Ensemble garantiert in Volumen, Timbre, Charakter und Nuancierungsvermögen beeindruckenden „Wagnergesang“: Neben einem sich leidenschaftlich verausgabenden Michael Baba (Tannhäuser) und Kristi Anna Isenes von stimmlich schönstem Edelmetall bestimmter Elisabeth sind dies Anne-Theresa Møller (Venus), Alexandru Constantinescu (Wolfram) sowie Andre Valiguras (Landgraf) und die Sänger Karo Khachatryan, Thomas Rettensteiner, Johannes Richter und Maciej Kozlowski (a. G.).

Wahrhaft grandios: die Chöre des Schlosstheaters Stettin (Malgorzata Bornowska) und des Theaters Vorpommern (Julia Domašševa). Ballettdirektor Ralf Dörnen sorgte für das Ballett im 1. Akt, Generalmusikdirektor Golo Berg mit dem Philharmonischen Orchester Vorpommern für eine so bewegte wie bewegende Aufführung: bestechend in der Präzision, kontrastgeschärft, voller Tempo, Spannung und glühender Klangkraft.

Ostsee-Zeitung, 28.11.2016

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg oder "Tannhäuser und die Flucht von der Wartburg"

von Thomas Kunzmann

Tannhäuser, der hochmütig die bigotte Wartburg-Gesellschaft und Elisabeth verlassen hat, findet sinnliche Erfüllung im Venusberg. Doch begegnet er dort auch seinem Alter Ego: nicht mehr eng umschlungen mit Venus, sondern als Putzsklave endend im Reich der Lüste. Daraus will er flieh’n? Nein, diesem Schicksal muss er entkommen. Dieser Zukunft kehrt er den Rücken. In der Begegnung mit dem Hirten jedoch, wieder er selbst in anderer Zukunft, jetzt auf der Wartburg mit Wischmopp, gelangt er zur Erkenntnis, dass auch diese Zukunftsvariante keinen Deut besser sein wird. Sein Leben ist vorbestimmt, egal, ob er sich integriert oder auflehnt.

Dann doch lieber den Lebensentwurf, der dem Sänger mehr literarischen Stoff verspricht, leben? Auch wenn die Liebe zu Elisabeth ihn auf den Weg nach Rom bringt, muss er nach der Rückkehr feststellen, dass des Papstes Absolution keineswegs geläuterte Menschen aus den Pilgern macht. Resignierend will er zurück in Venus’ Arme, die allerdings auch nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Tannhäuser, einem Malstrom gleich, zieht die Menschen in seiner Umgebung erst in seinen Bann, dann ins Verderben. Da kommt die Erlösungsnachricht gerade rechtzeitig, um erneut die Flucht ergreifen zu können.

Seit seiner Jugend beschäftigt sich Horst Kupich mit Wagners Tannhäuser. Die Regie ist ausgefeilt und erzählt die Geschichte eines anderen Tannhäusers. Konsequent, überraschend, aber jederzeit schlüssig. Da ist Elisabeth, deren Freitod eine Sünde ist – der sie niemals an den Thron Gottes führen könnte, um für Heinrich zu bitten. Darum macht sie Wolfram zu ihrem Werkzeug. Da ist eine Ritterschar, die der Tannhäuser nicht ernst nehmen kann und in ihnen nur maskenhafte Karikaturen ihrer selbst sieht. Lediglich Hermann, Wolfram und Elisabeth haben ein Gesicht, einen eigenen Charakter. Da ist der Schaft eines übergroßen Schwerts, den Zusammenhalt der Wartburger symbolisierend – dessen Klinge aber bis in den Venusberg, die Gegenwelt, eindringt.

Meist, wenn man von „Entschlackung“ einer Oper reden hört, erlebt man auf der Bühne ebenso eine Entzauberung – nicht hier. Das mag schon an der ästhetischen Einbeziehung des Tanztheaters im ersten Aufzug liegen, an den sparsam verwendeten Lichteffekten und an dem zeitlos klaren Bühnenbild. Insgesamt wird jedoch sauber mit dem Libretto gearbeitet, nicht dagegen. Das Orchester unter Golo Berg spielt (mit ca. 50 Musikern) einen facettenreichen Wagnerklang, das Blech deutlich sauberer als im Lohengrin, mitunter sehr weich. Überwältigend die grandiose Chorleistung, vom leisen Vorbeiziehen auf der Hinterbühne bis zum donnernden Pilgerzug.

Die Textverständlichkeit ist durchweg exzellent. Mit Anne-Theresa Møller ist eine Venus gefunden, die hervorragend zu der koketten bis zickigen Rollenanlage passt. Ihr Gegenstück, Kristi Anna Isene als Elisabeth war jedoch die große Überraschung des Abends. Hier reift eine neue dramatische Perle heran, die sich sauber und klangschön sogar über den Chor hinwegzusetzen vermochte. Auch Alexandru Constantinescu als Wolfram konnte mit seinem schlanken, sehr geradlinigen Bariton überzeugen, was der Figur eine klare Zeichnung verlieh. (...) Das zum Teil extra aus Berlin angereiste Publikum zeigte sich ebenso zufrieden wie die Stralsunder selbst.

Wagner
ist überall ein Kraftakt, doch in Mecklenburg-Vorpommern ein kaum noch möglicher. Wie bereits zum Lohengrin 2013/14 bündeln die Theater Stralsund und Stettin daher ihre Ressourcen. Rostock, das einst so stolze „Bayreuth des Nordens“, hat seit 2007 den weltweit am meisten gespielten deutschen Opern-Komponisten nicht mehr im Spielplan, schlimmer noch: die neue Intendanz hat nicht eine einzige echte Operninszenierung in der laufenden Saison auf den Weg gebracht. Schwerin liebäugelt für 2018 mit einer Wagner-Neuproduktion. Unter den Spar- und Schrumpfzwängen eines aktuell ordentliche Überschüsse erwirtschaftenden Bundeslandes werden die Theater trotzdem systematisch ausgeblutet. Und so kann man diese Inszenierung in der 58.000-Einwohner-Stadt Stralsund gar nicht hoch genug wertschätzen.   BRAVO STRALSUND!


ioco.de, 13.12.2016

Grenzüberschreitung

von Jan Brachmann

Großes Massen auf leichten Füßen zu halten - das ist eine Kunst für sich. Der vereinigte Chor des Theaters Vorpommern und der Oper im Schloss Stettin ist eine beachtliche Masse, aber flotten Schrittes und stimmlich auf Zehenspitzen ziehen die Sänger als Edelleute in Wagners "Tannhäuser" auf die Wartburg. Die Choreinstudierung  durch Malgorzata Bornowska und Julija Domaševa hat vorzügliche Arbeit geleistet, die Choreografie von Ralf Dörnen mit der Regie von Horst Kuppich für Sicherheit und Klarheit gesorgt. Doch erst der Generalmusikdirektor Golo Berg gibt diesem Einzug eine solch federnde italiantà, eine von allen Klangsamtwämsen und orchestralen Helmbüscheln befreite Unbeschwertheit, dass der Chor gar nichtr anders kann, als vokal zu tanzen.
Christopher Melching hat alle in rote Anzüge mit weißen Hemden gesteckt, eine Farb-Hommage an die polnischen Nachbaren, die hier zum zweiten Mal in Stralsund und bald in Greifswald eine große Wagner-Oper stemmen. "Lohgengrin" bildete vor genau drei Jahren den Anfang. Der Mut des Intendanten Dirk Löschner, sich bei der Suche nach Kooperationspartnern gen Osten zu wenden, hat sich mehrfach ausgezahlt. Die Orchester führten gemeinsam Mahlers "Auferstehungssymphonie" und Strauss' "Alpensymphonie" im polnischen und deutschen Teil Vorpommerns auf. Die Stettiner Aufführungen des "Lohengrin" waren schon im Vorfeld ausverkauft - immerhin die erste Wagner-Oper in der vormaligen Hauptstadt Pommerns seit 1945, und die Nachfrage für den "Tannhäuser" ist wieder enorm. Wer hätte gedacht, dass Wagner einmal eine förderliche Rolle bei der kulturellen Wiedervereinigung Pommerns spielen würde!
Das Programmheft ist zweisprachig, in Deutsch und Polnisch. Olgierd Geblewicz, Marschall der Woiwodschaft Westpommern, betont im Grußwort die nachbarliche Zusammenarbeit im Umweltschutz, bei Fragen der Infrastruktur, sozialen Projekten und Kunst. "Eine Grenze muss nicht trennen, sie kann auch verbinden", pflichtet der Stettiner Operndirektor Jacek Jekiel bei - alles keine billigen Floskeln mehr seit dem letzten Regierungswechsel in Warschau.
Dieser "Tannhäuser" am Theater Vorpommern bietet in vielerlei Hinsicht Grund zur Freude -  erstens wegen der grenzübergreifenden Kooperation, zweitens wegen des Lebensmutes eines Theaters, das sich trotz der angekündigten Fusion mit der Philharmonie Neubrandenburg und dem Theater Neustrelitz nicht ausbremsen lässt in seinem Kunstehrgeiz, und drittens wegen des musikalischen Gelingens. Das Philharmonische Orchester Vorpommern entwickelt unter Bergs Leitung Glanz und Weite in kleinem Raum. Die Tempi sind rasch, ohne den Sängern die Luft zum Atmen zu nehmen. Die rezitativischen Partien bleiben straff im Zeitmaß. Das ganze Stück gewinnt eine beinahe klassizistische Grazie. Wie mendelssohnisch die Orchestrierung über weite Strecken hinweg ist, wird plötzlich wieder klar. Aufhorchen lässt die warm timbrierte, grazile Kristi Anna Isene als Elisabeth, die doch über explosive Durchschlagkraft verfügt. Auch Anne Theresa Møller als Venus ist eine Kraftnatur von geschmeidigster Beweglichkeit. (...) Und Alexandru Constantinescu git dem Wolfram oratorische Strenge, zugleich aber weltmännische Eleganz. Möge der Ausweitung dieser Kooperation als "South Baltic Opera Movement" von Vorpommern über Gdynia bis Klaipeda Glück beschieden sein.

opernwelt, Januar 2017