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Endstation Sehnsucht

"A Streetcar Named Desire"
Oper in drei Akten von André Previn
nach dem gleichnamigen Drama von Tennessee Williams Libretto von Philip Littell
Deutsch von Bettina Bartz und Werner Hinze

Erste genehmigte deutschsprachige Fassung

Termine

  • 03.03.2018 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald
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  • 08.03.2018 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund
  • Letzte Vorstellung in Stralsund!
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Die in die Jahre gekommene Südstaatenschönheit Blanche DuBois trifft unerwartet in New Orleans ein, um dort bei ihrer jüngeren Schwester Stella unterzukommen, die mit ihrem Mann, dem Arbeiter Stanley Kowalski, in beengten Wohnverhältnissen lebt. Doch obwohl sie selbst alles verloren hat – zunächst ihre Familie, dann das elterliche Anwesen am Mississippi – ist sie außerstande, die Lebensumstände ihrer Schwester zu akzeptieren. Daher flüchtet sie in Fantasien und Lügengebilde. Doch ihre aristokratisch hochmütige Art verbirgt immer weniger die Verzweiflung, die Blanche der Realität entfliehen lässt. Eines alkoholisierten Abends kommt es zur Katastrophe …
Die Musik André Previns verleiht dem bekannten Drama von Tennessee Williams eine neue, sehr intensive Dimension, die ein packendes Psychogramm vereinsamter Seelen zeichnet.

 

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Kontakt theaterpädagogische Angebote: Sabine Kuhnert

Jan Brachmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überzeugte Horst Kupichs Inszenierung:
"Die deutsche Bühne" Onlinekritik von Dietrich Pätzold
Blanche und das Elend der Welt

André Previns Oper „Endstation Sehnsucht“ als deutschsprachige Erstaufführung am Theater Vorpommern in Stralsund

Es geht tief hinab: von dem oben über die ganze Bühne führenden Gang runter in eine enge Wohnung. Von da oben betritt auch Blanche DuBois die Szene, hochtrabend, leicht exaltierter Auftritt, elegante Garderobe, Dame von Welt, mit zwei knallroten Koffern. Ihr Abstieg in die Wohnung, in der ihre Schwester Stella mit ihrem Mann Stanley lebt, wo beide nachts heftig und laut sind, wo sie nun ein Kind erwarten, führt über eine steile Treppe. Blanche empfindet diesen Gang als sozialen Abstieg in niedere Verhältnisse, die sie mit Geringschätzung sieht. Später - nach Enthüllung der Tatsache, dass sie aus anderen Niederungen kam - erweist er sich als letzte Zuflucht einer Lebensmöglichkeit, die aber am Ende zerstört ist.

Doch nicht nur auf die Lebenslügen der Blanche konzentriert sich die Oper „Endstation Sehnsucht“ von André Previn, deren deutschsprachige Erstaufführung am Samstag im Theater Vorpommern mit viel Beifall aufgenommen wurde. Enthüllt werden das tragische Schicksal der Figur sowie ihr dahinsterbender Anspruch auf Lebendigkeit. Wie Sehnsucht sich immer mehr in die Traumwelt der Fantasie verschiebt, ist hier eindrucksvoll erzählt. Vielmehr: gesungen, es ist ja Oper.

Deren Vorlage, das Schauspiel „Endstation Sehnsucht“ aus dem Jahre 1947, ist das bekannteste Stück von Tennessee Williams. Nicht selten wird es banalisiert: als Abrechnung mit Lebenslügen oder bedauernswerte Krankengeschichte. Das alles ist „Endstation Sehnsucht“ wohl auch, aber vor allem geht es nicht nur um eine Figur, sondern um Unmoral und seelische Krankheit einer bürgerlichen Gesellschaft mit ihren destruktiven Interessen-Strukturen.

Die Oper des US-Amerikaners André Previn, 1997 entstanden, verhindert solche Vereinfachungen durch den Zwang musikalischer Strukturen, indem sie den Gefühlsraum der Figuren ernst nimmt. Dass das Theater Vorpommern das Werk ins Deutsche brachte (Übersetzung Bettina Bartz und Werner Hintze), ist ein enormer Gewinn. Wird doch in der Sprache über psychologische Tiefen und das Elend der Welt ebenso kommuniziert wie über höchst Oberflächliches („wo ist der Schnaps“ oder „ich nehme ein Bad“), und die „zwischen den Zeilen“ mitschwingenden Beziehungen erkennt nur, wer die Zeilen versteht.

Formbewusst, ergreifend und nuancenreich präsentieren sich Vorpommerns Opernensemble und Philharmonie unter musikalischer Leitung von Generalmusikdirektor Florian Csizmadia und in der Regie von Horst Kupich. Die Komposition von Prévin, einem Wanderer zwischen den Musikwelten, erweist sich als kaum innovativ, jedoch für Musiker (vor allem die Bläser) und für die Sänger als anspruchsvoll herausfordernd, was diese souverän bewältigen.

Prévin schöpft aus dem Kosmos spätromantischer Moderne, Anklänge an Gershwin oder Satie, zuweilen direkt Jazziges oder filmmusikalische Klischees klingen aus dem Orchestergraben. Aus allem hat der Komponist ein interessantes Material mit Sogwirkung geschaffen, das in routinierter Kombination die Innenwelten der Figuren auslotet, Gefühle illustriert, zuweilen leicht distanzierend kommentiert, Spannung und nervöse Angespanntheit vermittelt.

Gunta Cese gibt die Hauptrolle mit energievollem, warmem Sopran und spielerischer Kraft, überzeugend in der Selbstbehauptung, der Verzweiflung und der Selbsttäuschung. Deutlich erarbeitet die Inszenierung, wie sehr das Elend der Blanche im Elend einer männlich dominierten Umgebung voll unterschwelliger Gewalt wurzelt. Wenn Therapie nötig ist, dann für alle Beteiligten: für den primitiv-rohen Stanley Kowalski (Thomas Rettensteiner), für Blanches Schwester Stella (Franziska Ringe), die diesem Burschen lange verfallen ist. Oder für Harold Mitchell (Karo Khatchatryan), der als betagtes, aber naives Muttersöhnchen mit völliger Hörigkeit gegenüber Autoritäten kaum eine Rettung für Blanche gewesen wäre. Was ihr bleibt, sind am Ende Träumereien: in einer Anstalt.

Ostsee Zeitung (Dietrich Pätzold), 27.11.2017

Stralsund: ENDSTATION SEHNSUCHT als deutschsprachige Erstaufführung der Oper von André Previn

 

Die Oper in drei Akten A STREETCAR NAMED DESIRE von André Previn erlebte nun, nach verschiedenen Aufführungen in Deutschland in der englischen Originalsprache am Theater Vorpommern ihre deutschsprachige Erstaufführung in der Textübertragung von Bettina Bartz und Werner Hinze unter dem deutschen Titel ENDSTATION SEHNSUCHT. Das ist zunächst einmal bemerkenswert in einer Zeit, da es üblich geworden ist, alle Werke in Originalsprache zu spielen und deren Verständnis beim deutschen Zuhörer dadurch erheblich zu erschweren. Insofern leistete Stralsund einen wichtigen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des Werkes, das – uraufgeführt am 19. September 1998 an der San Francisco Opera – schnell Verbreitung in Amerika und Europa, und nicht zuletzt in Deutschland fand. Die Oper basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Tennessee Williams, das ebenfalls unter dem gleichen deutschen Titel eine weite Verbreitung auf den Schauspiel-Spielplänen fand und als Film mit Vivian Leigh und Marlon Brando ein breites Publikum fand. Die Geschichte darf mal also als bekannt voraussetzen, dennoch finde ich es wichtig und richtig, dass nun auch eine praktikable deutsche Fassung vorliegt, sie wird der weiteren Verbreitung des Werkes dienen – und das ist zunächst als positive Bilanz zu vermelden.

„Literaturopern“ sind ein besonderes Terrain innerhalb der Gattung und – sehen wir einmal von geglückten Versionen dieser Art, wie Verdis DON CARLOS oder dessen Geniestreich des OTELLO ab – selten erfolgreicher und oft nur mit Abstrichen zu ertragende Versionen des Originals. Entscheidend wird immer in diesen Fällen die Qualität der Musik sein und die Frage, ob es ihr gelingt, dem Stoff eine Dimension zu erschließen, die die Sprache allein dem Werk schuldig bleiben muss. Sicher ist das nicht nur eine Gratwanderung, sondern letztendlich auch eine Frage der Akzeptanz beim jeweiligen Zuhörer. Die Musik von Previn bedient sich vielerlei stilistischer Wurzeln, von klassisch-modernen Anklängen über Filmmusiken und das Musical – alles Bereiche, in denen der Komponist sehr erfolgreich tätig war. Insofern stellt sie keine unüberwindbaren Anforderungen an den Hörer, vieles erscheint dem „heutigen Ohr“ gemäß und einiges ist auch durchaus „eingängig“. Sie vermag dieser überschaubaren Story durchaus Akzente zu versetzen, die der Vertiefung ebenso wie der „Überhöhung“ dienen, ist insofern ambivalent und bedient Handlung und Charaktere gleichermaßen.

Die Handlung ist scheinbar leicht zu überblicken: Blanche DuBois kommt recht erschöpft zu ihrer Schwester Stella zu Besuch, um Ruhe und Entspannung zu finden. Sie hat viel Unan-genehmes durchlebt, u. a. den Tod der Eltern und der Tante, den Verlust der elterlichen Villa und damit auch ihre gesellschaftliche Verwurzelung. Stella nimmt sie zunächst freundlich auf, ein Problem kommt mit dem Erscheinen von Stellas Ehemann, Stanley Kowalski, der „aus einer anderen Welt“ zu sein scheint: jedenfalls läß er mit seinem brutalen Macho-Gehabe nicht nur erkennen, dass ihm dieser „Besuch“ nicht passt, sondern findet ebenso das Missfallen von Blanche. Die Tatsache, dass alle drei nun für eine gewisse Zeit gemeinsam in der kleinen Zweizimmer-Wohnung miteinander leben müssen, sorgt für weitere Konflikte. Und Stanley misstraut der Zugereisten nicht nur, sondern er beginnt auch, deren Vergangenheit zu erforschen. Er ist jederzeit und überall der Boss – gleichgültig, ob es sich um seine eigene Frau oder seine „Kumpane“ handelt, mit denen er die Freizeit nach eigenem Gusto verbringt. Er ist es auch, der einen seiner Kumpane, Mitch, soweit „beherrscht“, dass er dessen aufkeimende Beziehung zu Blanche nicht nur ungern sieht, sondern sie letztlich zerstört. Dass diese Beziehung vielleicht Blanches Probleme zu lösen imstande wäre, nimmt er nicht zur Kenntnis. Nach den „Enthüllungen“, die er aufgrund von Auskünften anderer über Blanche gesammelt hat, zerstört er die „Dreisamkeit“ und weist der Schwägerin die Tür. Als dies nicht zum gewünschten Erfolg führt, spitzt sich die Lage zu – Stella hält letztendlich doch zu ihrem Ehemann und die angereiste Schwester wird für irrsinnig erklärt und dem Nervenarzt übergeben. Das Leben für die Familie Kowalski, die inzwischen ein Baby bekommen hat, geht weiter – Blanche wird ausgeschaltet, auf neudeutsch: entsorgt. Dieser äußeren Handlung stehen innere Kämpfe und Träume Blanches zur Seite, die für sie existentiell, für ihre Angehörigen nicht relevant sind.

Previn wurde seinerzeit zum Vorwurf gemacht, dass die Oper den falschen Titel habe – sie müsste eigentlich „Blanche“ heißen. Sicher hat zu der Überbewertung dieser Figur die Tatsache beigetragen, dass dem Komponisten für die Uraufführung die Star-Sopranistin Renée Fleming zur Verfügung stand, der er die Rolle nicht nur „auf den Leib“ sondern in besonderem Maße auch „auf die Stimmbänder“ schrieb. (…)

Das Philharmonische Orchester Vorpommern nahm sich des Werkes unter Leitung seines neuen Generalmusikdirektors Florian Csizmadia mit großer Sorgfalt und spürbaren Engagement an, die musikalisch-orchestrale Seite überzeugte, namentlich auch deshalb, weil der Dirigent um Durchsichtigkeit bemüht war, große Rücksicht auf die Sänger nahm und somit einen „Klangherd“ schuf, der jederzeit voll auf das Bühnengeschehen fokussiert war. Horst Kupich schuf eine klar gegliederte Inszenierung und nutzte den ihm von Christopher Melching entwickelten Bühnenraum geschickt und vielseitig aus, man konnte das Stück jederzeit verstehen und die Handlungsweisen nachvollziehen. (…)

Die überzeugendste sängerisch-musikalische Leistung erbrachte Karo Khachatryan als Mitch – ein junger Tenor mit einer technisch gut geführten Stimme, der in allen Situationen die Kontrolle behielt, der klangschön und textverständlich sang und darstellerisch in der Lage war, die Zuneigung zu Blanche einerseits und die Abhängigkeit von Stanley andererseits überzeugend zu gestalten. Ein Ruhepol in der sehr lauten Umgebung – der Rolle absolut adäquat. (…)

Der Neue Merker (Werner P. Seiferth), 27.11.2017